Anaels Flügel                                

 

Das Quietschen des Intercitys kreischte noch in Jonathans Ohren, als er plötzlich einer merkwürdigen Gestalt gegenüberstand. Sie thronte zum Greifen nah auf einem Stuhl, direkt vor seiner Nase. Über ihrem Haupt schwebte ein leuchtender Schein. 

„Sag mal spinnst du? Ich will den Feierabend einläuten und du lässt dich überrollen.“ Osiris holte den Heiligenschein vom Kopf, hauchte drauf und polierte ihn so lange, bis er sein Gegenüber blendete.

Jonathan riss die Hände zum Schutz vor das Gesicht, worauf seine Hüfte, die nur noch an einzelnen Muskelfasern hing, zur Seite rutschte.

„Nun fang endlich an! Ich will auf meine Wolke“, setzte der Himmelsbote die Kopfbedeckung zurück, „und glaube ja nicht, dass ich die Schweinerei wegwische.“ Dabei zeigte er auf die Blutlache unter Jonathans Füßen, die sich tentakelartig auf dem Fußboden verteilt hatte. „Also, was bringst du zu deiner Verteidigung vor?“

„Ich? Wieso?“

„Frag nicht so blöd. Bin ich vor den Zug gesprungen, oder du?“

„Wo bin ich hier überhaupt?“

„Was glaubste denn?“

„Woher soll ich das wissen“, rückte Jonathan seinen Oberkörper zurecht.

„Wie lautet dein Vor und Zuname?“ Osiris zog einen dicken Wälzer unter seiner Kutte hervor.

„Jonathan - Jonathan Schnitzler.

„Mit einem oder doppel T?“

„Einem.“

„Wann geboren?“

„Vierzehnter Februar neunzehnhunderachtunachtzig.“

„Wo?“

„Dummsdorf.“

„Kann nicht sein, du stehst nicht auf meiner Liste.“

„Wie? Stehe nicht drauf?“

„Ganz einfach, du bist nicht dran!“

„Was soll das Gequatsche? Sag mir endlich, was ich hier tue.“

„Nichts! Du musst zurück“, klappte Osiris den Wälzer zu.

„Wohin?“

„Stell nicht so blöde Fragen, Jonathan. Auf die Erde natürlich.“

„Auf die Erde?“

„Ganz genau, dahin, woher du gekommen bist.“

„Und warum?“

„Pass auf, du bist doch ein pfiffiges Kerlchen, richtig? Lass uns die Angelegenheit verkürzen. Ich wische die Sauerei weg, dafür ersparst du mir die Formalitäten. Gehst für nen kleinen Erholungstrip ins Krankenhaus und ich bekomme Feierabend.“

„Und dann?“

„Warum bist du vor den Zug gesprungen?“

„Das geht dich gar nichts an.“

Osiris schnappte das Rückflugformular und kritzelte in die Spalten: „... von Unbekanntem gestoßen. Rechtzeitig von Anael, seinem Schutzengel, zur Seite gezogen. Gibt erstmalig drei Flügelpunkte, bei Überleben zehn.“

„Das stimmt nicht!“

„Behauptest du, dass ich lüge?“

Jonathan nickte.

„Kann ein Toter sprechen?“

„Nein, aber.“

„Nichts aber! Du schmeißt dein Leben weg, raubst mir die Zeit und verweigerst Anael seine Engelsflügel. Was glaubst du, wer du bist?“

„Jonathan Schnitzler aus Dummsdorf.“

„Eben, und dabei belassen wir es.“

„Ab wie vielen Punkten gibt es Flügel?“

„Zehn pro Seite.“

„Wie bekommt er die?“

„Auf keinen Fall durchs Quatschen.“

„Ist Anael immer bei mir?“

„Sicher.“

„Dann weiß er, warum ich?“

„Ja!“

„Kann er mir vielleicht?“

„Wie h-e-i-ß-t sie?“

„Maria.“

„Besitzt sie auch einen Nachnamen?“

„Maria Bohnert.“

„Geboren? Mensch Jonathan, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“

„Zehnter Mai neunzehnhundertneunundachtzig.“

„War sie es wert?“ Unter Osiris Kutte bewegte es sich am Rücken.

„Darf ich mal sehen.“

„Du bringst mich noch in Luzifers Küche, verdammter Flügelschlag, aber danach beantwortest du meine Frage.“

„Wird das ein Deal?“

„Wenn du überlebst!“

„Bekommt Anael sie dann?“

„Einen!“

„Wie, nur einen?“

„Zehn pro Flügel, schon vergessen Jonathan?“

„Aber wieso?“

„Die Flügelpunkte richten sich nach dem Schwierigkeitsgrad.“

Jonathan sah an sich herunter. „Reicht das nicht?“

„Für einen.“

 

Tage später bewegte Jonathan Schnitzler auf der Intensivstation der Medizinischen Hochschule kaum hörbar seine Lippen. Ein Lächeln umspielte seinen Mundwinkel, als er „Anael" wisperte.

„Jonathan, Schatz, ich bin hier“, schreckte Maria auf, die seit der ersten Stunde neben seinem Bett gewacht hatte und flüsterte ihm ins Ohr. „Jonathan, hörst du mich? Ich bin es Maria. Ich verlasse dich nie wieder - hörst du - ich liebe dich doch.“ Maria wischte die Träne fort, die auf seine Wange tropfte.

Erschöpft nuschelte Jonathan die letzten Worte, ehe er in einen Dämmerschlaf fiel: „Die anderen schaffen wir noch - später", dabei sah er den Engel aus der Ferne winken.