Labyrinth des Grauens

erschien in "Die Saftvampire", Pia Bächthold Verlag Wangen

 

Cados, ein Vampirschüler aus der unteren Klassenstufe, presste seine Nase an das Fenster des Turmzimmers und beobachtete das bunte Treiben auf dem Burghof. All seine Klassenkameraden fuhren in die Ferien. Nur er nicht! Wie jedes Jahr verbrachte er sie auf Burg Schaurigschön. Sterbenslangweilig! Doch dieses Mal sollte es anders kommen. In dem Moment, wo das Burgportal zur Festung hinter dem letzten Schüler ins Schloss fiel, klopfte es an seiner Zimmertür.

"Herein!", gespannt blickte er zur Tür. Ein Vampir mit schwarzen Haaren, der einen Koffer in der Hand hielt, betrat das Zimmer. Sprachlos standen sie sich gegenüber und glotzten sich gegenseitig an. Von Cados knallrotem Haarschopf fasziniert, der einem Wischmopp ähnelte, konnte der Neuankömling seinen Blick nicht abwenden. Sekunden später grinste der Neue breit wie ein Breitmaulfrosch. Dabei präsentierte er eine Zahnlücke zwischen seinen spitzen Vampirzähnen.

"Hallo", lispelte  er. "Ich heisse Nipodemuss - Nipodemuss Ssauer."

Sofort schüttelte er Cados Hand zur Begrüßung.

"Hi - ich bin Cados Zottel." Kaum sprach Cados seinen vollständigen Namen aus, prusteten sie vor Lachen los. 

Nipodemus schmiss sein Gepäck auf das freie Bett neben dem Kleiderschrank, kippte den Kofferinhalt aus und verteilte die Sachen. Unmengen von Hosen, Pullovern, Hemden, Strümpfen, Büchern, und andere Dinge, die er noch besaß, kamen zum Vorschein.

"Cool", strahlte Cados, der ein Gänsehautbuch von Nipodemus in den Fingern hielt.

"Kannsst du lesen. Ich kenne ess bereitss."

"Super! Ich hab auch welche."

"Bisst du sschon lange hier?", lispelte Nipodemus durch seine Zahnlücke.

"Ja, von Anfang an."

"Und - wie isst es sso?"

"Es geht. Wenn du magst, zeige ich dir gleich alles."

Ohne zu zögern hängte Nipodemus den schwarzen Vampirumhang um seine Schultern, lief zur Tür und umfasste den Türgriff.

"Haaalt!", schrie Cados. Der öffnete die Tür einen Spalt, um hinauszuspähen.

Nachdem er sich vergewissert hatte, das niemand umherschlich, rannten zwei Gestalten mit wehendem Umhang den langen Gang entlang.

"Wir müssen aufpassen, das Hinkefuß uns nicht über den Weg läuft!", warnte Cados, bevor sie an der Flurecke stoppten.

"Hinkefuß ...?"

Cados grinste: "Das ist der Hausmeister! Den nenne ich so, weil er beim Gehen ein Bein hinterher zieht."

 

Vor Ferienbeginn erschien der neue Hausmeister auf der Bildfläche, da der Alte wie vom Erdboden verschluckt war. Alle Vampirschüler von Burg Schaurigschön hatten den vorherigen gemocht und niemand konnte verstehen, wieso er so plötzlich verschwunden war.

"Wie ist der Neue?", fragte Nipodemus. Dabei trat er ein Stück näher an eines der vielen Gemälde, die an der Wand hingen. Eine Galerie verschiedener Vampire, eingerahmt in klobigen Goldrahmen schmückten die Gemäuer und zogen seine Aufmerksamkeit auf sich.

"Er schnüffelt überall herum", lachte Cados. "Wie ein Hund. Dann vibriert und zittert seine Nase - aber den lernst du noch kennen. Keine Bange!"